Das Jubiläumsjahr 2018: Wilhelm Heinrich Focke wäre 140 Jahre alt

Wilhelm Heinrich Focke wäre am 3. Juli 140 Jahre alt geworden,
wenn er nicht 1974 nach einem Unfall mit 96 Jahren gestorben wäre.
Er war wie sein 12 Jahre jüngerer Bruder Henrich Focke Flugzeugpionier.
Darüber hinaus aber auch Maler, Bildhauer, Erfinder, Poet und Fußballpionier.
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Focke

Auf den Spuren eines leonardesken Malers, Flugzeugpioniers und Erfinders

Aus: Helmut Hadré (Hrsg.): Wilhelm Heinrich Focke. Ein norddeutscher Maler, Flugzeugpionier und Erfinder. Schünemann Verlag, Bremen 2006, ISBN 3-7961-1882-8.

Anfang der 1890er Jahre, als Wilhelm noch klein war, sagte er eines Tages zu seiner Schwester Gustava: „Hör mal, ich will Dir ein Geheimnis verraten: Ich will das Fliegen erfinden!“ – Und er tat es! (1)

Inspiriert von Otto Lilienthals ersten Gleitflügen, begann er schon früh, erste Modellsegelflugzeuge zu entwerfen und zu bauen. Fast leidenschaftlich steigerte sich sein Bedürfnis, die Luft zu erobern in den Versuchen, Hängegleiter zu konstruieren, die ihn an den Abhängen der „Bremer Schweiz“, den Uferbereichen der Urstromtäler von Weser, Lesum und Hamme erste Flugversuche unternehmen ließen. Häufige Bruchlandungen entmutigten ihn nicht, ganz im Gegenteil, er animierte den 12 Jahre jüngeren Bruder Henrich mitzubasteln und ebenfalls „mitzufliegen“. Es war, wie der große Flugzeugkonstrukteur Henrich Focke später in seinem Buch schrieb, sein Bruder Wilhelm, der ihn zum „Fliegen“ gebracht hatte.(2)

Doch Wilhelm fand seinen speziellen Weg zum Fliegen nicht wie Henrich über technisch-konstruktive Lösungen, sondern beobachtete mit scharfen Blick die Natur. Alles, was er dort fand, was sich durch Luft, Wasser oder Land schnell vorwärts bewegte, setzte er mit der ihm gegebenen zeichnerischen Fähigkeit um. Denn seine malerische Gestaltungskraft, die naturgegebenen Gesetzmäßigkeiten im Flug der Vögel oder die Fortbewegung durch Windkraft zu erkennen und umzusetzen in kreative, schöpferische Gestaltung war beeindruckend. Charakteristisch ebenso Fockes erstaunliche Technik der Veränderung der Formgebung durch wenige Striche im Entwurf.  Was tat er?

Sichtbar und deutlich erkennbar in hunderten von Zeichnungen, Skizzen und Entwürfen „formulierte“ er im leonardeskem Sinne naturbedingte Eigenschaften neu:

die Aerodynamik von Flügeln, die dem Wind angepasste Form von Segeln, je nach Fortbewegungsmittel, in differenzierter Formgestaltung, die Kraft des Wassers als Energiespender, die Kraft eines Motors, eingesetzt als Antrieb zur schnellen Fortbewegung durch Luft, Wasser oder über Eis.

Alles was er sich ausdachte und was in seiner Zeit längst überfällig war, trieb seinen Erfindergeist an: z. B. das Flugzeug war überfällig!

Die Brüder Wright hatten im Dezember 1903 ihre ersten Flugversuche mit einem Doppeldecker, ein Entenflugzeug, in Amerika unternommen. Der Brasilianer Santos Dumont war 1906 bei Paris mit einem motorgetriebenem Luftschiff 1m über dem Boden und 220m weit geflogen, die Engländer und Italiener versuchten ebenfalls, die Luft zu erobern.

Wilhelm Focke war es dann in Deutschland, der nach langjährigen Modellversuchen zu der Erkenntnis kam, dass mit einem Fluggerät mit dem kleineren Leitwerk vorne und den Flügeln hinten, wo dann auch der Motor mit dem Propeller platziert wurde, die besten Flugeigenschaften zu erzielen waren.

Wegen des langen Halses mit dem vorne liegendem Leitwerk nannte er dieses etwas verrückt aussehende Fluggerät „ENTE“, welches im Flug den Eindruck erweckte, als ob es rückwärts fliegen würde.(3) 

Am 18. Dezember 1908 ließ er es sich patentieren unter dem Reichspatent Nr. 238542 (4) für einen „Drachenflieger mit hintereinander liegenden, verschieden großen Tragflächen“. Damit war der Weg frei, dieses Flugzeug auch zu bauen.

Mit Dr. Alberti, einen aus Bremen stammenden und in Berlin tätigen Juristen, konnte er einen Finanzier gewinnen, der es riskierte, Geld in ein möglicherweise fluguntaugliches Gerät zu investieren. Denn Wilhelm Focke hatte soviel Überzeugungskraft, dass er mit seinem künstlerisch – technischen Verstand nicht nur Dr. Alberti, sondern auch Dr. Edmund Rumpler, dem Besitzer einer noch relativ unbekannten Autogenschweißwerkstatt, dazu brachte, das Fluggerät zu bauen. Dieses zu einer Zeit, als er noch in den letzten Studienjahren an der Akademie für Künste in der Meisterklasse von Prof. Arthur Kampf war und mit ersten Ausstellungen seiner Bilder an die Öffentlichkeit trat.

Er war 30 Jahre alt und wollte seiner Schwester nun beweisen, dass er wirklich „das Fliegen“ erfunden hatte. Im September 1909, als sich die aus einem stoffbespannten Stahlrohrgerüst und einem französischen, höchst unzuverlässigen 40 PS ENV-Motor mit einer „Luftschraube“ der Pariser Firma Chauvière ausgestattete „Ente“ zum ersten Mal auf dem Exerzierplatz „Bornstedter Feld“ bei Potsdam in die Luft erhob, war sein Traum und ein Versprechen Wirklichkeit geworden! Auch wenn der erste „Hüpfer“ nur wenige Meter über dem Boden und ein paar hundert Meter weit ging, es war eine Sensation! Einer der ersten Deutschen war motorgetrieben geflogen!

Sofort sandte Wilhelm seinem Bruder Henrich, der gerade an diesem Tage sein Abitur machte, ein Telegramm: „ …..bin das erste Mal geflogen….“

Plötzlich war er ein berühmter Mann! Der erste Norddeutsche „Aviator“ in der Luft! Der Kronprinz Heinrich war so begeistert, dass er Focke erlaubte, wann immer er es wolle, auf dem Exerzierplatz des Bornstedter Feldes zu starten und zu landen.

Sein Bruder Henrich fuhr sofort nach seinem Abitur mit der Erlaubnis seines Vaters und der Ermahnung „Berufe werden mir nicht daraus“ (5) nach Potsdam, um seinen Bruder zu unterstützen. Auch Orville Wright erschien in diesen Tagen auf dem Platz und besichtigte das Flugzeug. Sein Kommentar dazu ist überliefert (6): „Less wires but stronger“ – „Weniger Spanndrähte, aber stärkere“. Focke leuchtete das wegen des damit einhergehenden geringeren Luftwiderstandes und der Sicherheit ein.

Das Fliegen ließ ihn nicht mehr los. Er ließ seiner Erfinderfantasie freien Lauf und entwickelte Wasserflugzeuge, alle in Entenform, weitere Flugzeuge, diese jedoch in der heute üblichen Anordnung der Flügel. Er tauschte mit seinem Bruder Henrich, inzwischen studierter Dr. Ing. (Hannover) und Flugzeugkonstrukteur ständig neue Ideen zur Verbesserung aus. Besonders tüftelte er mit ihm an der Optimierung der Flug- und Landeeigenschaften der Entenbauart als Land- und Wasserflugzeug sowie der Minimierung der Brandgefahr bei Notlandungen. Junkers wollte dann nach Fockes Entwürfen die erste Ente als Wasserflugzeug bauen. Es ist jedoch nicht erwiesen, ob sie wirklich gebaut wurde. (7)

Fockes Erfahrungen als Aufklärer im 1. Weltkrieg, der mit nur mäßig ausgereiften Flugzeugen, meistens Doppeldeckern, über der Nordsee zurechtkommen musste, animierte ihn zu immer neuen technischen Verbesserungen und neuen Erfindungen.

So setzte er sich besonders mit dem Bau von Wasserflugzeugen auseinander, da ihm die vielen Bruchlandungen seiner Flugkameraden in der Nordsee sehr bewegten. Seine Entwürfe waren außerordentlich kühn durchdachte Einrumpfmodelle in Entenform, die auch bei schwerer See starten und landen sollten. (8)

Später tauschte er mit seinem Bruder häufig Erfahrungen und Beobachtungen aus. Für sehr vollendet, von ihm auch mitinspiriert, hielt er den zwei – rotorigen Tragschrauber, der schon extrem langsam landen konnte mit Ausrollstrecken von nur wenigen Metern: „der Vogellandung wohl am nächsten“ war sein Kommentar dazu. (9). Inspiriert von der Hubschrauberentwicklung seines Bruders versuchte er auch eine Art Hoovercraft mit zwei nach unten wirkenden Propellern zu entwickeln. Ebenfalls konstruierte er in den 30ern die ENTE als Segelflugzeug, genannt „BOE I“. Ein äußerst formschön und aerodynamisch konstruiertes Fluggerät.

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